Oswald "Oschi" Rohr (*1900, +1960)

Die Berliner Tabakfirma Josetti brachte in den Jugendjahren des 20. Jahrhunderts eine Zigarette mit rundem Querschnitt auf den Markt, die die als soziales Distinktionsmittel immer wieder benutzten Orientzigaretten (flach, ovaler Querschnitt) für den besseren Herren, der sich das goldplattierte Mundstück etwas kosten ließ, herausforderte.

 

Die Zigarettenreklame der Marke Juno („aus gutem Grund ist Juno rund“) aus den fünfziger Jahren zeigt einen Seemann hinter dem Steuerrad, Oswald „Oschi“ Rohr aus Dahme. Dieses Bild war Anfang der fünfziger Jahre auf allen Litfassäulen zu sehen.


Oswald Rohr war  und Strandkorbvermieter und ein bekanntes Profil im Ort. Sein Vater war ebenfalls Fischer. So ist es nicht erstaunlich, dass er schon früh  Geschäftsführer der 1919 gegründeten Fischergenossenschaft Dahme, e.G.m.b.H., wurde.  Heinrich Vogt jr., Adolf Höppner und Friedrich Wulf waren weitere bekannte Fischer in dieser Genossenschaft, die später in dem schon 1913 gegründeten Fischerverein aufging.

Zwischen den beiden Weltkriegen wurde Oschi Rohr auch als Führer der SA im Ort bekannt. 

 

 

Die Familie Rohr war alteingesessen im Ort.  Schon vor 1800 lebte der Zimmermann Ernst August Rohr in Dahme. Er war verheiratet mit einer Anna Prühs aus dem Oberdorf. Sein ältester Sohn Peter Hinrich Rohr wurde 1812 geboren. Er war Fischer, wie viele andere im Unterdorf.

 Schon 1860 hatte der Fischer Rohr ein Haus etwa bei der heutigen Deichdurchfahrt im Unterdorf, ganz in der Nähe vom Zollhaus, das nach der Sturmflut von 1872 abgerissen wurde.

 

 

 

Über 160 Jahre Reisebüro Rohr

 

Viele kennen das Reisebüro und die Strandkorbvermietung Rohr an der Seebrücke und am Südstrand. Nur wenige werden wissen, dass dieses Reisebüro 2016 sein 160-jähriges Jubiläum feierte. Wie aus den Anzeigen in den Wagrisch-Fehmarnschen Blättern hervorgeht konnte man sich beim Fischer Rohr für die Überfahrt melden, der dann auch das Ein- und Ausbooten vom Dampfschiff übernahm. Das gab immer ein paar extra Groschen. Strandkörbe gab es ja damals noch nicht.

Bild: Anzeige des Kapitäns Jäger in den Wagrisch-Fehmarnschen Blättern 1866

 

Bemerkenswert ist, dass es schon 1866 eine regelmäßige Dampfschiffverbindung von Lübeck nach Nysted, Dahmes Partnerstadt in Dänemark, und Nyköping auf Falster gab. Auf der Route wurden auch Dahme und Fehmarn angelaufen. Andere Dampfschiffverbindungen zu dieser Zeit waren zwischen Lübeck und Neustadt, sowie zwischen Kiel und Heiligenhafen, bei der auch Fehmarn angelaufen wurde. Scharbeutz, Grömitz und Kellenhusen hatten noch keine Dampfschiffverbindung. Das lag wohl auch daran, dass Dahme damals eine größere Anzahl von Gästen hatte, die eine solche Verbindung rechtfertigten.

 

 

Karte: Dampfschiffverbindung 1866 zwischen Lübeck und Nysted/Nyköping, Dahme anlaufend.

Eine ganze Familie wird ausgelöscht

In den Jahren 1868/69 wurde der erste Deich zwischen Rosenfelde und Dahme, nahe der Strandlinie aus Sand aufgeschüttet. Er sollte jedoch nicht lange halten. In der Jahrhundertsturmflut von 1872 brach er an mehreren Stellen und das Dorf wurde überflutet (siehe auch Abschnitt „Ut de ole Tid - Sturmflut“). Besonders hart traf es die Familie Rohr.

In dem Beerdigungsregister der Kirchengemeinde Grube, Band 14 (1870 – 1888) finden wir für  das Jahr 1872 auf den Seiten 70/71/72 folgende Eintragungen (Auszug):

„In der großen Sturmflut am 13. November daselbst, die den Deich längs der Ostseeküste bei Dahme durchbrach und gänzlich zerstörte und sich über Dahme, Grube und Guttau ergoß, fanden nach-folgende Mitglieder der Gruber Gemeinde den Tod:

Nr. / Dies Amortualis     / Dies Sepulturae

(fortlaufende Nummer für das betreffende Jahr, Todestag, Bestattungstag)

107 / Nov 13 / Nov 20                    Rohr , Jürgen Peter Hinrich, Fischer zu Dahme, geboren daselbst 1812 den 5. Febr. (60 Jahre), erster Sohn                des August Rohr und der Anna geb. Prüß – dessen Ehefrau

108 / Nov 13 / Nov 20                    Rohr, Margaretha Dorothea geb. Hagedorn, geboren in Dahme 1812 den 24. Oktober (60 Jahre), Tochter                  des Bödners Christian Hagedorn und der Elsabe Sophia geb. Schröder  – der Sohn dieser Eheleute:

109 / Nov 13 / Nov 20                    Rohr, Claus Jochim Hinrich, geboren in Dahme 1847 d. 8. Juli. (25 Jahre)

110 / Nov 13 / Nov 20                    Rohr, Johann Christian Friedrich, Arbeitsmann in Dahme , geboren daselbst 1818 d. 6. Januar (54 Jahre),                 zweiter Sohn des August Rohr und Anna geb. Prüß.

111 / Nov 13/ Nov 20                     Rohr, Dorothea Elise Henriette, geb in Dahme 1864 d. 13. Juni, uneheliche Tochter der Friederica Catherina            Hagelstein und des Claus Jochim Hinrich Rohr.

112 / Nov 13 / Nov 21                    Seller, Caroline Wilhelmine Dorothea, geb. in Dahme 1867, März 17, (5 Jahre) uneheliche Tochter der                          Catherina Friederica Johanna Rohr, verheiratet in Neustadt, und des Schlachters Heinrich Seller zu                              Hamburg.             

Der am 13. November verstorbene Fischer Jürgen Peter Hinrich Rohr hinterlässt aus der Ehe mit seiner gleichfalls verstorbenen Ehefrau Dorothea, geb. Hagedorn 5 Kinder:

                1  Catherina Johanna Friederica , geb 1839, April 8

                2  Hinrich Friedrich Theodor (”Thetje”), geb 1850, Nov 12

                3  Hermann Heinrich Carl, geb 1853, März 2

                4  Catherina Friederica Carolina, geb 1855, Okt 3

                5  Johann Carl Heinrich, geb 1841, Dez 8, auf der See ertrunken, am 23. November 1871. 

 

Zusammen mit ihrem Sohn ertrank auch die achtjährige Nichte Dorothea Elise Henriette,  uneheliche Tochter der Friederica Catherina Hagelstein und des Claus Jochim Hinrich Rohr.“

 

Auch ein zweiter Sohn des Ernst August Rohr und der Anna Prühs ertrank in der Sturmflut von 1872: Der Arbeitsmann Johann Christian Rohr, geb. 1818. Sein Sohn Klaus August Friedrich Rohr, geb. 1841, war Seemann und überlebte die Flut.

 

So steht es geschrieben in dem Beerdigungsregister der Kirchengemeinde Grube, Band 14 (1870 – 1888). Die Familie Rohr war mit 6 der 10 Opfer aus Dahme die am härtesten betroffene Familie der Flut von 1872.

Neuanfang

Nach Jahrhunderten unter dänischer Herrschaft gehörte die Provinz Schleswig-Holstein seit 1871 zum Deutschen Reich. Preußische Verwaltungsbeamte und Vermessungsingenieure sowie viele Badegäste und die Presse im Deutschen Reich machten die Notlage in Dahme bekannt und lösten eine Spendenwelle im ganzen Reich aus. Damit konnte ein Wiederaufbau des zum großen Teil zerstörten Dorfes und der Aufstieg zu einem bekannten Badeort beginnen.

Die Parzellen 63-65 und 72-77 östlich des Dorfweges bzw. Weges nach Dahmeshöved waren 1874 noch nicht bebaut. Lediglich auf der Parzelle 66 befand sich schon das Haus des Fischers Johann Rohr (Nr. 67). 161 war die Durchfahrt zum Strand. Interessant ist, dass dieses Haus (Seestr. 59) durchgehend im Besitz der Familie Rohr war.

Acht Generationen Rohr

  1.            Zimmermann Ernst August Rohr (wahrscheinlich um 1780 geboren, ging vielleicht mit Klaus Hinrich Klahn in die Dahmer Dorfschule).

    2.          Fischer Johann Christian Friedrich Rohr (*1818, +1874, zweiter Sohn des Ernst August Rohr).

    Er ist wahrscheinlich der Fischer Rohr, der 1866 in der Anzeige vom Dampfer „Thorwaldsen“ erwähnt wird, und damit auch der Begründer des Reisebüros Rohr. Er war da 48 Jahre alt und schon ein etabliertes Profil im Ort.

    Er ist auch der Johan Rohr, der bei der Urvermessung durch die Preußen als Eigner der Parzelle 66/67 aufgeführt ist (d.h. das Haus, das auch noch heute bei der Deichdurchfahrt steht, Seestr. 59).

    3.         Seemann Klaus August Friedrich Rohr (*1841, + ?) , war während der Sturmflut 1872 mit 31 Jahren einer der „Helden“, die für ihre Einsätze geehrt wurden. Er konnte jedoch seinen Onkel und dessen Familie nicht retten.

    4.          Fischer Johann Friedrich August Rohr

    5.          Fischer Johann Adolf August Rohr

    6.          Fischer und Strandkorbvermieter Oswald Rohr (*1900, +1960)

    7.          Karl-Heinz Rohr

    8.          Sven Rohr