Geschichten von Horst Sendzik

Horst Sendzik ist ältester Sohn des Schneidemeisters Sendzik, der im Ort einen Schneiderladen besaß (da wo heute der Hundeladen drin ist). Hier auf einem Ausschnitt eines Klassenfotos aus dem Jahr 1953.

Sein Vater Friedrich Sendzik war lange Jahre in der Kommunalpolitik tätig, zuletzt saß er für die DWG im Gemeinderat.

Horst berichtet hier in kurzen, schnappschussartigen Blicken über die Zeit Ende der 40-er und Anfang der 50-er Jahre.


Glück gehabt

Als Flüchtlinge lebte meine Mutter mit ihren 4 Kindern bei der

Bäuerin Magdalene Siems in Gruberhagen. Gegen Ende des

Krieges hatte ich folgendes Erlebnis: Ich sah ein deutsches Flugzeug, einen Fieseler Storch, der  von englischen Jagdfliegern dermaßen bedrängt wurde, dass er zur Landung neben dem Bauernhof von Frau Siems  gezwungen wurde. Die englischen Jagdflieger waren verschwunden und wir  Kinder liefen sofort zum gelandeten deutschen Flugzeug aus dem 2 deutsche Soldaten sprangen und uns anbrüllten: ,,Haut ab, die da oben sind

vernünftig, aber man weiß nicht was   gleich passiert". Kaum waren wir weg, da waren die Spitfire wieder da und haben versucht, das deutsche  Flugzeug mit ihren Bordwaffen zu zerstören. Die deutschen Soldaten wurden von Familie Becker aufgenommen.  Das Flugzeug war  flugtauglich geblieben. Die Einschusslöcher und die Hoheitssymbole wurden mit gelben Pflastern beklebt. Als der Krieg zu Ende war, startete der

Fieseler Storch in Richtung Leipzig. Die Soldaten wollten zu ihren

Familien. Ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört.

 

 


Jetzt sind die Amis da

Mitte der fünfziger Jahre - ich war um die achzehn Jahre alt und lebte in Dahme - besuchte mich mein Freund ,,Pilo", so nannten wir ihn, und er gab mir zu verstehen, daß jetzt die Amis da wären und wir das kontrollieren müßten. Die mitgeführte Wermutflasche war nur noch halbvoll, und so machten wir uns auf den Weg Richtung Leuchtturm.  Auf einem freien Feld endeckten wir mehrere Militärfahrzeuge, wir hatten sie also gefunden.

Uns trennte nur ein nur ein Knick von den verhaßten Amis. Sofort fing mein Freund an - er war nicht mehr ganz nüchtern - zu fluchen und mit der  Wermutflache herumzufuchteln.  Plötzlich wurde ein Scheinwerfer auf uns  gerichtet. Ich zog meinen Freund runter und brüllte: “ Weg hier die knallen uns sonst ab".

 

Am nächsten Tag waren mein Freund und ich wieder einmal im Ort unterwegs, als ein amerikanisches Militärfahrzeug vor uns hielt. Ein Amerikaner sprang heraus  und rief in fließendem Deutsch: ,,Jetzt haben wir euch. Wir haben uns köstlich über Euch amüsiert. Wo gibt es hier was zu trinken"?  Es wurde ein feuchtfröhlicher Abend.

 

 


Typisch Vater

Die Waffen schwiegen, und Teile der Wehrmacht, die entwaffnet wurden, verteilten sich auf die einzelnen Bauernhöfe. Sie wurden notdürftig versorgt und besserten ihren Speiseplan mit Brennnesseln auf. Um zu verhindern, daß die Soldaten sich auf umliegenden Feldern bedienten, wurden Überwachungseinheiten ins Leben gerufen, die mit einem Karabiner bewaffnet waren und nach meinen Erinnerungen wurden nur Warnschüsse abgegeben. Unter den Überwachungseinheiten befanden sich viele Ausländer, die in der Wehrmacht dienten. So viel zur Situation in Ostholstein.                          

 

Mein Vater war bereits im Juli 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden und lebte mit uns auf dem Bauerhof von Frau Siems in Gruberhagen. Eines Tages ließ er eine Rote-Kreuz-Bude auf dem Bauerhof abstellen. Sofort  waren Wachsodaten da und forderten meinen Vater auf, die Bude wieder zurückzubringen. ,,Ich bin Angehöriger der Deutschen Wehrmacht und lasse mir von Rumänen nichts sagen". Das war seine Reaktion. Er wurde an die  Stallwand gestellt, ich stand daneben. Ob freiwillig oder gezwungen,

weiß ich heute nicht mehr. Erst der Blick in zwei Gewehrläufe konnte ihn beruhigen. Wir haben es beide überlebt.

 

 

Ausbrechen aus dem Internierungsgebiet Ostholstein unmöglich

Um ein Ausbrechen von Wehrmachtsangehörigen aus dem Internierungsgebiet unmöglich zu machen, wurden neben der Überwachung der Landesgrenzen in  Dahme die Fischerboote von den Engländern mit Benzin übergossen und  abgefackelt. So sollte verhindert werden, daß sich einige Soldaten über die Ostsee hätten absetzen können. Ich bin Zeuge folgenden Vorfalls, als einige Fischer ein kleines Fischerboot, das die Engländer offenbar nicht entdeckt hatten, ins Wasser ziehen wollten. Am Horizont tauchte  plötzlich ein englisches Patrouillenboot auf, das sich dem Strand näherte.

Wir stellten uns alle vor das Boot und winkten der Besatzung zu. Unser Gruß wurde erwidert. Das Patrouillenboot drehte bei, so nennt man das wohl, wir atmeten auf.

 

Anmerkung: Das Internierungsgebiet für Soldaten, auch "Kral" genannt, befand sich östlich einer Linie von Kiel nach Travemünde. Hier wurde beinahe 500 000 Soldaten festgehalten bis sie entnazifiziert waren und Papiere erhalten hatten. In Dahme lagerten Soldaten im Dahmer Holz und am Leuchtturm. Es gab auch ein großes Lager nahe Rosenfelde.                                  

Sahne statt Milch

Auf dem Bauernhof in Gruberhagen, auf dem wir als Flüchtlinge 1945 einquartiert waren, arbeiteten auch 3 Kriegsgefangene, die, milde

ausgedrückt, von der Eigentümerin nicht sonderlich anständig behandelt  wurden. Wir Flüchtlinge hatten auch unter ihrer Menschenverachtung zu leiden. Etwas Essbares erhielten wir heimlich von den Kriegsgefangenen.

 

Die gefüllten Milchkannen wurden von einem Gefangenen per Pferdefuhrwerk in die Meierei nach Grube geschafft. Um sich den weiten Weg zu sparen - er kostete auch Energie - gab meine Mutter unser Milchkännchen und die entsprechenden Lebensmittelkarten mit. Wir wunderten uns nur darüber, daß das Milchkännchen mehr Sahne als Milch enthielt, bis ich eines Tages

das Geheimnis lüften konnte. Ich konnte beobachten, wie der Kriegsgefangene während der Fahrt die Kannendeckel öffnete und aus der

oberen Schicht die ,,Milch" in unser Kännchen füllte. Für uns war das eine willkommene Energiezufuhr. Die Lebensmittelmarken, das

 

vermutete meine Mutter, hat er gegen Zigaretten eingetauscht.

 

Panzerfäuste im Besitz von Kriegsgefangenen

Der Krieg war bereits beendet oder er neigte sich bereits dem Ende zu. Die Kriegsgefangenen der Bäuerin Siems waren in den Besitz von Panzerfäusten gelangt, die sie in einem Holzstapel in der Nähe des Hofes von Frau Siems in einem Holzstapel versteckten. Was sie damit vorhatten, weiß ich nicht. Meiner Mutter gegenüber hatten sie sich dahingehend geäußert, dass sie auf jeden Fall wiederkommen würden, um Frau Siems in eine mit Nägeln bespickte Tonne zu stecken, die sie dann durch die Gegend rollen wollten. Ich habe das Versteck der Panzerfäuste dem Reichsarbeitsdienst (RAD) verraten, der in der Nähe lagerte. Den Kriegsgefangenen ist nichts passiert. Sie haben sich einige Tage später in Richtung Neustadt abgesetzt.